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Äkwinoks,
die in düsterem Rot glühende, uralte Sonne Grandes, war
kurz davor, den Zenit zu erreichen, während Ritter Kerwi aufmerksam
die Wege abschritt, die zur Sicherung der Befestigungsanlage angelegt
worden waren. Wege war, gelinge gesagt, maßlos übertrieben.
Schmale Trampelpfade, die gerade ausreichten, genug Platz für
den Ritter zu bieten, und es fiel ihm schwer, das dichte Gestrüpp
zu überblicken. Immer wieder stand die letzte Bastion auf der
Welt Grande unter Beschuss, wurde von den Bestien der Biesthorden
angegriffen. Es war nur den wenigen noch verbliebenen Rittern zu
verdanken, dass dieser Außenposten der Menschheit noch nicht
vom Antlitz der Welt getilgt worden war. Jedenfalls sahen die Streiter
für Recht und Ordnung dies so.
Kerwi schwitzte.
Der Sommer hinterließ deutliche Spuren. Äkwinoks loderte
immer wieder hell in einem Sonnensturm und sandte tödliche
Strahlen für alle Kreaturen, die sich nicht rechtzeitig unter
den üppig wuchernden Pflanzen, die sich den Bedingungen angepasst
hatten, in Sicherheit brachten. Insgeheim wussten die Ritter dies,
aber für die Öffentlichkeit war es eine Prüfung,
und eine Strafe der Hohen. Grandes Ritter waren nur sich selbst
verantwortlich und leisteten einen heiligen Eid auf den Schutz des
Volkes; ihre ganze Kraft, Stärke und ihr Leben widmen sie dieser
Aufgabe. Und dabei waren sie überaus erfolgreich. Jedenfalls
bisher!
Ritter Kerwi kehrte
zu der Befestigungsanlage zurück, die hoch in den mächtigen
Bäumen angelegt war, und gab sich zu erkennen. Eine Strickleiter
fiel herab und der junge Ritter machte sich auf, die gut vier Meter
bis zum ersten Plateau zu überwinden. Die Anstrengung setzte
noch mehr Schweiß frei, bis er schließlich die Plattform
erreichte. Kerwi rang sich ein Lächeln ab.
"Es ist ruhig dort draußen", ließ er die anderen
Ritter das Offensichtliche wissen. Denn wäre dort etwas gegen
sie vorgerückt, hätte er Alarm geschlagen und wäre
den Feinden zunächst einmal alleine zu Leibe gerückt.
Nomai, der Erste
Ritter, nickte und wies die anwesenden Ritter mit einer knappen
Geste an, den Versammlungsraum zu betreten. Es gab wichtige Dinge
zu besprechen und für den Moment mussten sie darauf vertrauen,
dass der Feind die Situation nicht ausnutzte und sie überraschend
angriff.
Nomai voran, betraten
fünf Ritter den niedrigen Raum, der unter den Baumriesen mit
ihren dicken, fleischigen Blättern nicht nur Schutz vor der
Witterung, sondern auch den Strahlen Äkwinoks' bot. Sie schritten
an einer auf den Fersen sitzenden Person vorbei und nahmen im Halbkreis
davor eine Sitzposition auf dem hölzernen Boden ein.
"Ich grüße
euch, Ritter von Grande", wurden sie von dem Gast empfangen.
"Und ich
grüße dich, werte Sana", erwiderte Nomai, während
er es sich auf einem kleinen Kissen bequem machte. Die restlichen
vier Ritter nickten lediglich kurz, denn es stand ihnen nicht zu,
das Wort zu ergreifen, bevor der Erste Ritter die Versammlung offiziell
eröffnet hatte. "Die Sitzung des Ritterkonvents von Grande
möge beginnen. Äkwinoks Licht soll unsere Gedanken erhellen
und unsere Feinde versengen!"
Alle Versammelten
nickten und bekundeten mit einem schlichten Schlag der Linken auf
das Heft ihres gegürteten Schwertes Beifall.
Die bislang schweigsame
Person hob langsam beide Hände, deren Finger kürzer waren,
als die eines Menschen und schlug die Kapuze eines Umhangs zurück.
Wie die Hände, so war auch auf dem Kopf und im Gesicht ein
kurzes, ockerfarbenes Fell zu erkennen, zwei katzenähnliche
Ohren mit einem Fellbüschel an der Spitze, waren leicht nach
hinten gelegt. Das kantig, eingefallen wirkende Gesicht der jungen
Frau zeigte Aufmerksamkeit, aber auch ein gewisses Maß an
Belustigung über den versammelten Männerclub. Die tiefroten
und schlitzförmigen Pupillen, ihre hagere Gestalt und das gelblichbraune
Fell auf der Haut wiesen sie als eine Eingeborene, eine Comouri,
aus. Ihr Schwanz ruhte auf dem Boden, nur die Spitze zuckte dann
und wann. Sie war von schlanker, nahezu dürrer Statur, aber
dennoch wirkte sie keineswegs kraftlos und - die versammelten Ritter
wussten dies - sie überragte alle um mindestens einen Kopf.
Die wenigen Einheimischen auf Grande zeigten deutliche Unterschiede
zu den körperlichen Merkmalen der Menschen, die sich vor geraumer
Zeit hier angesiedelt hatten.
Ritter Jani rückte
unruhig hin und her und fühlte sich unwohl beim Anblick seiner
Liebsten. Ein offenes Geheimnis. Nur erwartete sie jetzt, dass die
Ritter sie aufnahmen, sie als ihresgleichen betrachteten.
"Das ist
unerhört!", schimpfte Ritter Naffu. "Der Orden der
Ritter Grandes hat weder jemals eine Frau aufgenommen, noch einen
Comouri! Es ist eine Schande, wie tief wir gesunken sind, dass wir
überhaupt hier sitzen, um darüber zu reden, ob wir sie
aufnehmen sollen oder nicht."
Jani warf Naffu
einen giftigen Blick zu, sagte aber nichts. Der Erste Ritter setzte
eine grimmige Mine auf und sah Ritter Naffu lange an, dann wandte
er sich wieder an den Gast. Auch in seinen Augen war sie eine Schönheit
und insgeheim beneidete er Jani, denn er kannte sie ebenfalls recht
gut. Sana war gebildet, hatte keinerlei Vorbehalte gegen die fremden
Siedler, welche die Menschen auf Grande nun einmal waren, und obendrein
verstand sie es, witzig zu sein und scheute keine Arbeit und - dies
lag in der Natur der Ureinwohner dieser Welt - sie kämpfte
ausgezeichnet. Mit und ohne Waffen. Ihre Anwesenheit war schlicht
betörend.
"Sana",
begann der Erste Ritter, nachdem er sich geräuspert hatte,
"bitte entschuldige Ritter Naffu. Er ist
wenig erbaut
über deine Anwesenheit und noch weniger über das Anliegen,
das ihr durch Ritter Jani an uns habt."
Sana nickte lediglich
und ihr durchdringender Blick ruhte auf Naffu. Der sah schnell beiseite,
denn er wusste nur zu genau, dass es auf Grande Kreaturen gab, die
Gedanken lesen oder zumindest Gefühle erkennen konnten. Sie
lächelte ein betörendes Lächeln und entblößte
dabei ihre Fangzähne.
"Du musst
keine Furcht vor mir haben, Ritter Naffu", konstatierte sie,
ahnend, warum er so schnell zur Seite schaute, und wandte sich wieder
ihrem Liebsten zu. Ihre Aussprache war nahezu akzentfrei. "Es
würde mir nie einfallen, deine Gedanken zu lesen. Abgesehen
davon ist es Aberglaube, dass wir Blickkontakt herstellen müssen,
um Gedanken zu lesen."
Janis Blick ruhte
in dem ihren und er schüttelte kaum merklich den Kopf, um sie
zu warnen, nicht zu weit zu gehen. Naffu sah wieder auf, warf dann
Jani und dem Ersten Ritter einen kurzen, aber vorwurfsvollen Blick
zu. Sana unterdrückte mit Mühe ihre Amüsiertheit.
Der dickliche
Ritter Kumaro war gerade dabei, eine Tüte mit Konfekt zu verspeisen
und fing sich ebenfalls ein Kopfschütteln des Ersten Ritters
ein. Der Blick führte allerdings nicht dazu, dass Kumaro ob
der wichtigen Sitzung nun die Nahrungsaufnahme einstellte, sondern
er grinste breit und stopfte weiter Süßigkeiten in sich
hinein. Nomai schüttelte den Kopf erneut und wandte sich wieder
an Sana.
"Da Ritter
Jani für dich bürgt", fuhr der Erste Ritter fort,
"haben wir kein Problem damit, dass ihr darum ersucht, ein
Ritter von Grande zu werden. Immerhin ist dies die Welt der Comouri
und wir haben die Biesthorden lange genug alleine für euch
zurückgeschlagen, Verluste erlitten und uns aufgeopfert, diesen
Außenposten sicher zu machen."
"Niemand
hat euch darum gebeten", konstatierte Sana und ihr Blick fing
den des Ersten Ritters ein. "Weder hat euch jemand gebeten,
sich hier niederzulassen, noch habt ihr jemals um Erlaubnis gefragt."
Jani sah Sana
an und fast wäre ihm die Kinnlade nach unten geklappt. "Sana
...", sagte er heiser.
"Das ist
doch wohl das Letzte!", brüllte Naffu, sprang auf, die
Hand an der Waffe, wurde aber von Nomai am Arm wieder zu Boden gezogen.
"Du verstößt
gegen die Regeln, Ritter Naffu", kommentierte Sana ungerührt
die Szene. "In der Halle der Versammlung dürfen keine
Waffen gezogen werden. Ich bin aber gerne bereit, gegen euch anzutreten."
Ihre Hand ruhte auf dem Heft einer leicht geschwungenen Waffe, wie
sie für die Ureinwohner typisch waren.
"Ich
!"
Naffu war außer sich und wäre beinahe auf Sana losgegangen,
aber Jani stand bereits dazwischen.
"Wenn du
sie anrührst, fängst du dir eine! Treib's nicht zu weit!"
Die klare Ansage von Jani, der ansonsten sehr ruhig war und abwartete,
ließ alle - außer Kumaro, der mit einem Teilchen mit
Vanillequark beschäftig war - aufhorchen. "Entweder wir
nehmen sie auf oder ich bin raus." Sana zog ihn mit sanfter
Gewalt auf den Boden und Jani setzte sich, wandte seinen wütenden
Blick aber nicht von Naffu ab.
"Entschuldige,
Sana", murmelte Naffu und hockte sich ebenfalls wieder hin.
"Das war ja nicht persönlich gemeint, aber hier und als
Ritter
"
Nomai winkte ab
und stand auf, holte ein besonders schön geformtes Zeremonienschwert,
das bislang auf einer Truhe gelegen hatte und blieb vor Sana stehen.
Dann legte er das Schwert auf ihre rechte Schulter und fragte: "Leistest
du, Sana, den Eid, das Volk zu schützen und gegen alle Gefahren
zu verteidigen, auch wenn dir der Tod gewiss ist?"
"Das schwöre
ich", erwiderte die Comouri leise und lächelte.
Nomai hob das
Schwert an und über ihren Kopf hinweg. Sanas Ohren zuckten
unwillkürlich nach hinten und Kerwi konnte sich ein Schmunzeln
nicht verkneifen. Als das Schwert auf der linken Schulter ruhte,
sprach er feierlich: "Dann, Sana, erheb dich als Ritter von
Grande."
Die Ritter beglückwünschten
Sana und es wurde ein kleines Fest mit Saft und Resten von Kuchen
und Plätzchen gefeiert, wobei Kumaro am meisten verdrückte
und sich auch durch spöttische Kommentare nicht bremsen ließ.
Wenig später erinnerte man sich an die Pflichten, stieg die
Strickleiter hinunter und überließ den dicklichen Ritter
der Aufgabe, die noch verbliebenen Kekse zu vernichten und die Festung
im Auge zu behalten.
Mit aller gebotenen
Vorsicht schlichen die Ritter durch das Gestrüpp, spähten
mal hier, dann wieder dort aus einer Deckung hervor, konnten aber
nichts ausmachen. Sie schwitzen unter ihren Rüstungsteilen,
lediglich Sana machte die Hitze des Tages nichts aus. Sie war aufmerksam,
angespannt, unterhielt sich mit Jani nur ein wenig und dabei ging
es um die Familien, die wohl beide nicht guthießen, dass die
beiden zusammen waren. Plötzlich stürmte der Erste Ritter
plötzlich los, angetrieben vom Gedanken, möglichst viele
der Biester zu töten, die ohne Vorwarnung vor ihnen aufgetaucht
waren. Die Waffen wurden gezogen und unter lautem Gejohle und Geschrei
lief der Angriff ab, Sana zeigte dabei ein wenig von der geschmeidigen
Kunst, mit der ihr Volk zu kämpfen wusste und den Rittern war
klar, dass sie besser nicht in ihre Reichweite kamen, wenn sie mit
Messer und Krallen zu Gange war. Wenig später war der Spuk
vorbei und die Biester tot oder geflüchtet, eines wurde durch
einen Pfeil niedergestreckt, den Naffu mit seiner kleinen Armbrust
abgeschossen hatte. Keuchend, aber siegreich machten sich die Ritter
auf den Rückweg.
Kurz bevor sie
die Festung erreichten, hielt Sanna an, die Ohren zuckten ein wenig
und sie blickte zum Himmel auf, der zwischen den Bäumen kaum
zu sehen war.
"Flare",
stellte sie sachlich und emotionslos fest. Alle wussten was das
bedeutete. Bald würde eine Welle von Strahlung, freigesetzt
durch eine Eruption auf der Oberfläche der uralten Sonne, über
Grande fluten und alles Leben im Freien tödlich treffen. Sie
hatten um die acht Minuten Zeit und deshalb eilten sie sich, die
sichere Behausung zu erreichen. Wenig später heulten die Warnsirenen
der menschlichen Siedlung auf, um die Bevölkerung zu warnen.
Sana warf den Rittern einen triumphierenden Blick zu, während
sie am Boden die Strickleiter festhielt, um das Hinaufklettern zu
erleichtern. Nur Jani grinste zurück und erklomm als Letzter
vor Sana die Plattform.
In der Versammlungshalle
hatte Kumaru die Fenster bereits gesichert, der Ausgang war so gebaut,
dass Äkwinoks nie hineinschien. Hoch oben begannen die Bäume
damit, ihre riesigen Blütenkelche zu schließen und die
fleischigen Blätter einzurollen, um sich vor dem kommenden
Ereignis zu schützen. Überall auf Grande flohen Lebewesen
in den Schutz der Höhlen und Behausungen oder stellten sich
hinter die Stämme der Baumriesen.
Mit einem Mal
wurde es heller und hier und dort waren Angstrufe verschiedener
Kreaturen zu hören. Entweder, weil sie Angst vor der Ungewissheit
hatten oder fürchteten, sich nicht rechtzeitig in Sicherheit
bringen zu können. Für nahezu drei Minuten kam das Leben
auf Grande zum Erliegen und die Schreie verhallten, dann erlosch
die Strahlung und Äkwinoks lieferte normales, ungefährliches
Licht, wie schon viele Millionen Jahre lang. Grandes Sonne war in
die Jahre gekommen und näherte sich einem instabilen Stadium.
Aus der nahen
Siedlung hörte man zunächst das Aufheulen der Sirenen
zur Entwarnung, dann ein klangvolles Geräusch, welches ankündigte,
dass das Essen fertig war. Da den Rittern sowieso schon der Magen
knurrte, legten sie ihre Waffen ab und kletterten auf den Boden.
"Äh,
Sana ...", begann Nomai, wurde aber von Jani unterbrochen.
"Wir bleiben
hier", stellte er fest und meinte Sana. "Vielleicht bringt
ihr was mit, wenn ihr zurückkommt?"
"Kein Problem",
feixte Kerwi, "wir schieben es auf Kumaro, der uns sonst vor
Hunger stirbt."
Alle lachten,
Kumaro eingeschlossen, denn es machte ihm absolut nichts aus, dick
zu sein und dann und wann den Spott der anderen auf sich zu ziehen.
"Ich frag
erst mal
", setzte der Erste Ritter noch hinzu, dann
marschierte die Truppe ab und ließ Sana und Jani zurück.
Und die beiden grinsten sich an und tuschelten miteinander.
***
Die Gruppe um
Nomai betrat die Veranda eines flachen Gebäudes und ging in
die Küche. Der Tisch war bereits gedeckt und Nomai zählte
schnell die Teller durch, dann erhellte sich sein Blick.
"Isst Papa
heute nicht mit uns?" Nomai sah seine Mutter an, während
es sich Naffu, Kerwi und Kumaro schon einmal bequem machten.
"Nein, Herr
Ritter", Miara tätschelte ihrem Sohn lächelnd den
Kopf. "Er musste zur Arbeit an einer der Überlandleitungen
und ist ganz sicher nicht vor heute Abend zurück. Wo habt ihr
Jani gelassen?" Sie sah zur Veranda hinaus.
"Naja",
Nomai stand neben seinem Stuhl und hielt sich fest, um sich zu wappnen,
denn die nächste Frage mochte Ärger ungeahnten Ausmaßes
heraufbeschwören. "Er ist mit Sana draußen ... Ich
meine, kann sie mit uns essen?"
"Sana?"
Miara runzelte die Stirn und stellte schon mal eine abgedeckte Schüssel
auf den Tisch, die sogleich von dem stets hungrigen Kumaro inspiziert
wurde. "Ist sie neu in der Sied... Oh, warte mal." Der
Blick der Mutter ruhte auf ihrem Sohn.
"Sie ist
eine Comouri ..."
Miara seufzte,
als das Offensichtliche klar wurde. "Dein Vater legt dich übers
Knie und ich krieg den größten Ärger."
"Er ist doch
gar nicht hier." Nomai versuchte es weiter und setzte diesen
Blick auf, den nur verzweifelte Kinder beherrschen und der die Eltern
in noch mehr Verzweiflung zu versetzen in der Lage ist.
"Können
wir anfangen?", verlangte Kumaro zu wissen. "Ich sterbe
vor Hunger." Drei Jungen erinnerten ihn daran, was er alles
den ganzen Morgen über schon in sich hinein gestopft hatte.
Kumaro quittierte dies mit einem schlichten "Ja und?"
"Okay",
Miara seufzte erneut. "Kumaro, geh und hol Jani und diese Sana.
Je schneller du wieder zurück bist, um so eher gibt es was
zu essen." Das Lächeln und der dankbare Blick ihres Sohnes
reichten aus, um sie den potenziellen Ärger vergessen zu lassen.
Kumaro sprang
auf und stürmte los, als sei eines der imaginären Biester
hinter ihm her, die sie am Rand des Waldes als tapfere Ritter bekämpften.
Nur leider hatte er gerade sein Holzschwert nicht bei der Hand,
um dem Monster den Garaus zu machen. Er eilte auf das Baumhaus der
verschworenen Gemeinschaft zu, doch weder Sana noch Jani waren zu
sehen. Vermutlich hatten sie sich ins Innere der Behausung verzogen,
wo es schattiger war. Außerdem lag dort auch noch eine Dose
mit Keksen, erinnerte sich Kumaro.
"Jani!",
brüllte er aus voller Kehle. "Sana! Ihr könnt reinkommen."
Auf der Plattform
rührte sich etwas und mit einem agilen Sprung landete Sana
auf allen Vieren kurz vor Kumaro. Mit einem kehligen Knurren richtete
sie sich auf und das Herz des Jungen setzte erst einmal für
zwei Schläge aus, begann dann zu rasen. Sanas Mund und das
halbe Gesicht waren rot verschmiert, selbst die Hände zeigten
deutliche Spuren. Sie fletschte die Zähne und Kumaro nässte
sich ein, dann machte er, so flink er konnte, auf dem Absatz kehrt
und rannte schreiend Richtung Haus davon.
Sana lachte und
schlug sich auf die Schenkel.
"Sie hat
ihn gekillt!" Kumaro hatte die Veranda fast erreicht. "Sie
hat Jani gefressen!" Der entsetzte Junge stolperte die fünfstufige
Treppe hinauf, fiel hin und landete in der Eingangstür, umrundet
von den anderen Rittern und der Mutter des Ersten Ritters. Für
einen kleinen Moment dachten sie an einen Spaß, aber dann
sahen sie das Entsetzen, und dass Kumaro sich bepinkelt hatte. Miara
zögerte keine Sekunde, denn in gut fünfundzwanzig Metern
Entfernung stand eine Comouri und lachte sich offensichtlich tot,
griff über die Tür und brachte das Gewehr in Anschlag,
das dort außerhalb der Reichweite von Kindern angebracht war.
Kumaro kroch wimmernd ins Haus.
Die Gefahr erkennend,
sprintete der erbleichte Jani hinter einem nahen Baum hervor, von
wo aus er den Scherz verfolgt hatte, und ruderte mit den Armen in
der Luft. "Es war nur
"
Sana wischte sich
das Gelee aus dem Gesicht, sah die Bedrohung nicht und während
Jani sprang, um sie zu Boden zu reißen, brach der Schuss.
"
Spaß!"
Das Geschoss schlug in Janis Rücken ein und riss den Jungen
und dahinter Sana mit voller Wucht von den Beinen. Ein letztes Röcheln.
Er war tot, daran bestand kein Zweifel. Sana blickte schockiert
in die leeren Augen ihres Freundes.
Zunächst
- aber wirklich nur für einen kleinen Augenblick - war da Fassungslosigkeit,
dann übernahm die Rage das Kommando und die Instinkte die Steuerung.
Mit einem bösartigen Knurren wuchtete sie den leblosen Körper
weg, rollte sich zur Seite und sprang auf. Für den Bruchteil
einer Sekunde dachte sie daran, zu fliehen, aber dann kamen Krallen
zum Vorschein und sie sprintete auf allen Vieren los, um die kurze
Distanz zum Haus zu überwinden.
Miara war zu entsetzt,
um zu reagieren. Sie hatte schon einmal Comouri bei einem Angriff
erlebt und wusste, dass sie bei einem Nahkampf nicht den Hauch einer
Chance hatte. Auch wenn Sana noch sehr jung war, kannte sie die
Kampftechniken ihres Volkes gut genug, die so überlebenswichtig
auf Grande waren. Mit einem Schlucken versuchte sie, die Waffe zu
laden, aber in dem Moment war es bereits zu spät. Sana nutze
die Kraft des Sprungs und kam leicht geduckt über Miara, den
Vorteil nutzend, dass sie durch den kleinen Höhenunterschied
zur Veranda von unten angreifen konnte. Eine Klaue fuhr ihr rasch
über die Kehle, während sich die andere unterhalb des
Brustbeins ins Fleisch senkte. Die Wucht des Aufpralls ließ
die Frau straucheln und hinterrücks an die Wand der Veranda
prallen, dann glitt sie zu Boden, während Sana ihr Werk mit
einem Biss in die Kehle vollendete.
Nomai war auf
die Knie gesunken und totenbleich, Naffu wusste nicht, was er tun
sollte und Kerwi rannte ins Haus um sich zu verstecken, während
Kumaro noch immer wimmernd und heulend in der hintersten Ecke der
Küche auf dem Boden lag.
Sanas Blick, irre
vor Wut und Blutrausch, das Fell wie Stacheln aufgerichtet, heftete
sich auf den noch stehenden Naffu, nachdem sie Nomai nicht mehr
als Bedrohung einstufte.
"Bitte nicht",
flehte er heiser. "Bitte
" Tränen standen ihm
in den Augen im Angesicht des sicheren Todes.
Sana blieb halb
geduckt, bereit zum Sprung, der das Ende bedeuten würde. Dann
zuckte sie und blinzelte, ohne dabei ihre Gegenüber aus den
Augen zu lassen.
"Flare",
fauchte sie, drehte sich herum und rannte los, zurück in die
Sicherheit der tiefen Wälder in denen noch kein Comouri je
von einem Menschen gefunden, geschweige denn gestellt worden war.
Einen Augenblick
später kündigten die Sirenen der Siedlung eine weitere
Eruption mit Strahlung an. Äkwinoks hatte zur Abwechslung Leben
gerettet. Vorläufig.
© 12. Dezemebr
2006
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